Wir sehen uns im Zug. Buchrezension
Kurzbeschreibung:Das Buch handelt von einem Aussteiger aus dem bürgerlichen Leben, der alles auf eine Karte setzt - und zwar auf die Bahncard 100. Da diese monatlich so teuer wie eine Wohnungsmiete ist, lebt er in der Bahn, anstatt in einer Wohnung während er quer durch Deutschland fährt.
Fakten:Autor: René El Khazraje/ MC Rene

Erscheinungsdatum: 02.05.2012

Rowohlt/ rororo
,Taschenbuch. 272 Seiten,
Sprache: Deutsch,
9,99€ Neupreis, gebraucht ab 5,19€
ISBN-10: 978-3-499-62969-3
Mein Augenmerk
Als Obdachlosenhelferin hat mich das Leben im Netz der Deutschen Bahn interessiert. Ausserdem interessiere ich mich generell für Gesellschaftsaussteiger, alternative Lebensformen und ich lese gerne Dokus. Daher und im Sinne der Zielgruppe, die ich mit diesem Blog avisiere, werde ich mich bei meiner Rezension auch eher auf seine Lebensform des Nomadenlebens, seine Wohnungslosigkeit konzentrieren als auf seine Kunst.
Der Autor und die Hauptperson des Werkes sind identisch. René El Khazraje, der sich MC Rene nennt und von Freunden Reen gerufen wird schreibt hier in Form von Bloposts über die interessantesten Episoden aus einem Jahr seines Lebens als Bahnnomade. Ausser ihm gibt es noch einen ca. 50-jährigen Mann, der mit der Bahncard 100 im Netz der Deutschen Bahn wohnt - ein richtiger Obdachloser, der in schmuddeligen Klamotten, nach Müll riechend und pfandflaschen-suchend, bevorzugt die Strecke Berlin - München abfährt.
Der 1976 geborene El Khazraje ist bereits über 30 als er sich entschließt, alles auf eine Karte zu setzen. Er wuchs in einer Plattenbausiedlung des Bezirks Weststadt in Braunschweig auf, hat halbmarokkanische Wurzeln, sein Abi geschmissen und Fachabi gemacht, danach aber weder Ausbildung noch Studium absolviert. Als junger Mann hatte er eine tolle Rapper-Karriere, mit eigenem Label und Viva-Sendung. MC hieß für ihn Master of Ceremony. Irgendwann kam ein Karriereknick und MC wurde zu Master of Callcenter, obwohl er in diesem Hilfsjob weniger meisterhaft war. Sein bürgerliches Leben führte El Khazraje in Berlin, lebte und telefonierte in den Bezirksteilen Moabit und Friedrichshain. Ein Tag verging wie der andere - viel Langeweile, wenig und nur unbedeutende Erfolgserlebnisse. Durch seine fehlende Berufsqualifikationen sieht er für sich keinerlei Chancen im normalen Berufsleben. So hat er eines Tages die Idee, mit der Bahncard 100 um den Traum, einer Karriere als Comedian zu kämpfen. Er nimmt sich vor, sämtliche Strecken des DB-Liniennetzes zu befahren und überall aufzutreten, wo es ihm möglich ist. Spätestens am Ende des Jahresabonnements der Bancard möchte er sich einen neuen Namen gemacht haben, wieder bekannt sein. Bevor er die Reise antritt hat er noch den Umweg übers JobCenter genommen, und dort vergeblich versucht über ein Existenzgründer-Seminar eine Starthilfe für seine Selbständigkeit zu erhalten.
Am längsten beschreibt er den Vorlauf seiner Jahres-Reise, so z.B. im ersten Kapitel seine Entscheidungsfindung, sein Leben als Call-Center-Agent für Kaltakquise von Neukundenterminen für Versicherungsvertreter und das Call Center. Das zweite Kapitel beginnt mit der Info, seine leere Wohnung sei besenrein, endet mit der Abgabe seiner Wohnungsschlüssel und enthält im wesentlichen seine Gedanken und Gefühle zum Antritt seines Nomadendaseins. Das dritte Kapitel geht von der Fahrt zum Berliner Hauptbahnhof bis in den ersten ICE, den er betritt. Dort trifft er sofort auf einen Schaffner, der Hip Hop - Fan ist und ihn noch aus seiner Karriere als Rapper kennt. Von diesem Bahn-Angestellten erfährt er von dem Obdachlosen mit der Bahncard 100. Das sind die ersten 61 von (270 Seiten inkl Statistik und Danksagung - ohne) 258 Seiten.
Weiter geht es in vierten Kapitel mit ersten Auftritten, reisen ohne Plan, Freiheit genießen und alte Freunde wieder treffen. Das fünfte Kapitel handelt von einer kleinen Tour durch ostdeutsche Städte, netten neuen Kollegen, viel Spaß und Alkohol und Stolz auf des erste selbstverdiente Geld als Comedian. Dann folgt ein Kapitel, in dem er Braunschweig besucht und da dies sein Heimatort ist, erfahren wir noch mal ein paar Dinge über ihn persönlich. Im siebenten Kapitel nimmt er an einem Talentwettbewerb teil, der ihm viel bedeutet. Dort kommt es auch zu etwas härteren Konkurrenzsituation, bei der ihm ein Nebenbuhler vorwirft, die Wohnungslosigkeit nur erfunden zu haben, um Sympathiepunkte zu bekommen. Hier schreibt er auch, das anfängliche Urlaubsgefühl sein ihm irgendwann unbemerkt abhandengekommen. Erst im achten Kapitel trifft er auf den anderen Bahn-Nomaden. Leider auch das einzige mal, und als er noch grübelt, wie er seinen Bahn-Netz - Mitbewohner am besten ansprechen könnte, verlässt dieser leider in Göttingen den Zug. Für sich selbst diagnosiziert er ein Bahnsyndrom, von dem ein Symptom ist, dass er inzwischen erwartet, alles müsste sich neben ihm bewegen, an ihm vorbeiziehen wie bei dem Blick aus den Fenstern eines fahrenden Zugs. Ebenso seltsam ist die Feststellung, dass sich ein Sitz (Stuhl, Sessel, Couch...) nicht nach hinten stellen lässt.... Nebenbeibemerkt hatte er in diesem Kapitel einen Dorfauftritt. Im daruf Folgenden beschreibt er die, nur für Bahncard 100-Inhaber zur Verfügung stehende DB-Lounge, von der er nun feststellt dass es sich nicht um ein Phantom sondern einen real existierenden Warteraum handelt, der auf jedem Bahnhof, wenn er denn zu finden ist, exakt gleich aussieht. Dort darf der besondere Bahn-Gast kostenlos Instant-Kaffee und Softdrinks ohne Ende trinken und durch eine Glasfront die Menschen ausserhalb der Lounge beobachten. Vier Monate ist er nun auf Reisen und empfindet diese Zeit wie ein ganzes Jahr. Übrigens hat er sich einen neuen Rollkoffer gegönnt, den er mit Natascha anspricht, denn in Ermangelung von Gesprächspartnern redet er mit diesem Koffer. Im zehnten Kapitel sind bereits fünf Monate vergangen und es herrscht Geldnot. Wieder einmal hat Rene Glück und bekommt von einer neuen Kollegin aus der Comedy-Szene einen Synchron-Job für Porno-Filme angeboten, durch die er auf die schnelle über 300,-€ verdienen kann. Der nächste Abschnitt handelt von einer Verarschung, die ihn auf ein schlecht besuchtes Straßenfest in einer Fußgängerzone Hamburg-Harburgs führt. Die Pechsträhne hält noch im nächsten Kapitel an. Durch planloses Hin- und Hergefahre landet er in einer sehr kleinen Stadt ohne Anschlusszug. Kein Plan, keinen Schlafplatz... und wieder hat er unverschämtes Glück. Drei Jungs erkennen ihn als den Rapper von früher, gehen auf ihn zu und bieten ihm einen Schlafplatz in ihrer WG an. Das Kapitel 13 handelt anders als die Zahl erwarten lässt von viel Glück. In einer Kleinstadt hat er einen tollen Auftritt, lernt ein tolles Mädel kennen und hat ein super Wochenende. Das 14. ist ein Urlaubs-Kapitel, das ihn in die Schweiz führt. Im Abschnitt 15 schmuggelt er sich bei den Profis. In Köln besucht er eine Comedy-Preisverleihung, und überlegt ob er da tatsächlich dazu gehören möchte. 16: Er bleibt in Köln und nimmt erneut an einem Talentwettbewerb teil. Für dieses Casting hat er sich ein neues Programm erarbeitet und dabei hat er seinen eigenen Stil gefunden. Nun erntet er viel Applaus, kann sich neu definieren und sieht deutlich einen Weg vor sich. Tags darauf ruft sein bester und ältester Freund an, um ihn nach Braunschweig einzuladen, weil er zum zweiten mal Vater geworden ist. Der erneute Besuch seines Heimatortes ergibt ein sehr kurzes und eigentlich letztes Kapitel, in dem er noch mal zweifelt. Plötzlich hat er den Eindruck seinen ruhigen bodenständigen Freund zu beneiden. Letztendlich beschließt er aber für sich dann doch auf dem richtigen Weg zu sein und möchte ein weiteres Jahr in im Netz der DB leben.
Aber
wie lebte er nun eigentlich oder wie lebt es sich in der Bahn?
Geschlafen hat El Khazraje in der Bahn wohl eher weniger, und Schlafwagen erwähnte er gar nicht. Er konnte von einer großen Bekanntheit und Beliebtheit, zum größten Teil aus seiner ersten Karriere profitieren. So boten ihm viele Leute ihre Hilfe an. Scheinbar ist er auch ein sehr sympathischer Mensch, der schnell neue Kontakte hinzugewinnt, und gleich von neuen Kollegen aus der Comedy-Szene mal einen Job und mal einen Urlaub vermittelt bekommt. Dennoch hat auch seine Mutter wieder eine große Rolle in seinem Leben gespielt.
Gegessen hat der Überlebenskünstler unregelmäßig. Manchmal traf er mit großem Hunger irgendwo ein, wo er das Glück hatte, zugreifen zu können. An anderen Tagen suchte er sogar das teure Restaurant im Zug auf. Bei alten Freunden, Fans von früher und neuen Kontakten futterte er sich durch und aß den Leuten auch teilweise den Kühlschrank leer.
Die DB-Lounge entpuppte sich als zweites oder auch neues Wohnzimmer. Dort waren immerhin die Getränke kostenlos und open End.
Kleidung hat er bei seinen gutmütigen Gastgebern gewaschen, getauscht, geschnorrt und gemopst.
Von Krankheiten, medizinischen Dienstleistungen oder einer Krankenkasse hat er nichts geschrieben.
Geduscht hat der Bahnnomade, soweit ich dem Büchlein entnehmen konnte, ausschließlich bei wohlwollenden Mitmenschen, die ihm einen Schlafplatz angeboten haben. Die Infrastruktur der Bahn und Umgebung schien nichts in der Art einer Hygienestation zur Verfügung zu stellen.
Seine technischen Geräte haben scheinbar auch treu durchgehalten. Laptop und Handy erwähnte er, für die er den Strom in den ICE-Zügen benutzen konnte.
Einsamkeit und Gesprächsbedarf hat unser Protagonist wohl zeitweise sehr deutlich gespürt und deshalb seinem neuen Koffer nahezu ein ganzes Kapitel gewidmet und ihn Natascha genannt. Das hat mich an die Filme "Born to be wild" und "Cast Away – Verschollen" erinnert, in denen es ebenfalls um einen Aussteiger und um einen Flugzeugabsturz geht, und der jeweilige Protagonist aus Einsamkeit mit einem Ball redet.
Soziale Einrichtungen, wie Suppenküchen, Notübernachtungen hat der Autor nicht erwähnt also vermutlich auch nicht aufgesucht.
Verglichen mit dem gro der Obdachlosen, die ich in unseren Hilfseinrichtungen der Wohnungslosenhilfe kennen gelernt oder von denen ich gehört/ gelesen habe, sehe ich abgesehen von der nicht vorhandenen Wohnung keine Gemeinsamkeiten zu El Khazraje. Die meisten unserer Klienten/ Gäste sind durch einen Schicksalsschlag oder schleichenden Prozess, z.B. Sucht in die Obdachlosigkeit geraten und damit einhergehend sozial isoliert. Das ist eigentlich der größte Unterschied. El Khazraje fühlt sich einsam, hat aber viele Kontakte und Unterstützer. In Berlin gibt es auch viele Obdachlose, die in Gruppen oder in losen Zusammenhängen leben. Die helfen sich gegenseitig, aber Einladungen zu Übernachtungen, Essen oder gar Urlaub bekommen sie wohl eher nicht oder selten. Ebenfalls habe ich mobile Obdachlose kennen gelernt. Einer ist viel gewandert, ein anderer trampte viel und sparte sich vom Straßenzeitungsverkauf Geld für Mitfahrgelegenheiten oder Tickets für die billigen Linienbusse zusammen. In den jeweiligen Städten nutzt er die sozialen Einrichtungen und die JobCenter oder Sozialämter. Viele Menschen die ich in der Obdachlosenhilfe kennen gelernt habe, sind gar nicht oder nur kaum/ minimal in der Lage, Hilfe anzunehmen. Sie schämen sich, haben ihre - teils falschen - Stolz, eine anerzogene Bescheidenheit. El Khazraje dagegen hat keinerlei Probleme, Hilfe anzunehmen. Meiner Meinung nach lebt er sogar rotzfrech auf Kosten anderer Menschen. Für mich wäre es auch kein Lebensstil, ständig auf anderen Menschen angewiesen zu sein, oder dann auch noch ohne Gegenleistung auf deren Tasche zu liegen.
Das Buch ist sehr leicht und schnell lesbar. Einfache Worte, kurze Sätze... Daher sind die langweiligen Teile auch problemlos zu überfliegen. Die Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend, nett und übersichtlich gestaltet. Daher wirkte die Doku auf mich wie ein Kinder- und Jugendbuch. Einige seiner Redewendungen und Begrifflichkeiten sind Insider aus dem Rapper- oder Hip Hop-Milieu, so dass ich erst mal nachschlagen musste, aber nicht behaupten kann alles gefunden zu haben. Ich denke mal,v.a. ältere Menschen würden sich wohl etwas wundern. Also schätze ich seine Zielgruppe in den Jugendlichen ein, die mit ihm auf einer Wellenlänge liegen. Vom Aufbau her, hat er meiner Einschätzung nach ein paar besondere Erlebnisse seines ersten Aussteiger-Jahres ausgewählt, über die er wie Anekdote plaudert. Diese Stories schreibt er einfach mal auf, also anders als ein professioneller Autor, ohne Spannungsbogen, Hinhaltetaktik, Wortakrobatik etc, sondern eher wie Blogeinträge in denen schlicht und ergreifend das Erlebte niedergeschrieben wurde. Dabei ist er teilweise sehr langatmig und wiederholt sich in einigen Dingen oft. Allerdings versucht er auch in sein Buch etwas Humoristik einfließen zu lassen. Er schreibt viel über seine Gedanken, teilweise etwas tiefsinnig. Mein Eindruck war, eine sehr egozentrische Sicht seiner großen und doch kleinen Welt präsentiert zu bekommen. Teilweise habe ich es als befremdlich erfunden, so viel von einem Menschen zu lesen, der sich scheinbar ziemlich oft und genau selbst beobachtet oder auch analysiert. Es mag aber sein, dass die lange großteils einsame Reise diese Egozentrierung mit sich bringt. Aber auch andere Menschen werden von ihm beobachtet, und es scheint eine Vorliebe von ihm zu sein, seine Mitmenschen in Schubladen einzusortieren. So werden die z.B. die Comedians oder auch die Bahn-Schaffner von ihm typisiert vorgestellt.
Der Autor und die Hauptperson des Werkes sind identisch. René El Khazraje, der sich MC Rene nennt und von Freunden Reen gerufen wird schreibt hier in Form von Bloposts über die interessantesten Episoden aus einem Jahr seines Lebens als Bahnnomade. Ausser ihm gibt es noch einen ca. 50-jährigen Mann, der mit der Bahncard 100 im Netz der Deutschen Bahn wohnt - ein richtiger Obdachloser, der in schmuddeligen Klamotten, nach Müll riechend und pfandflaschen-suchend, bevorzugt die Strecke Berlin - München abfährt.
Der 1976 geborene El Khazraje ist bereits über 30 als er sich entschließt, alles auf eine Karte zu setzen. Er wuchs in einer Plattenbausiedlung des Bezirks Weststadt in Braunschweig auf, hat halbmarokkanische Wurzeln, sein Abi geschmissen und Fachabi gemacht, danach aber weder Ausbildung noch Studium absolviert. Als junger Mann hatte er eine tolle Rapper-Karriere, mit eigenem Label und Viva-Sendung. MC hieß für ihn Master of Ceremony. Irgendwann kam ein Karriereknick und MC wurde zu Master of Callcenter, obwohl er in diesem Hilfsjob weniger meisterhaft war. Sein bürgerliches Leben führte El Khazraje in Berlin, lebte und telefonierte in den Bezirksteilen Moabit und Friedrichshain. Ein Tag verging wie der andere - viel Langeweile, wenig und nur unbedeutende Erfolgserlebnisse. Durch seine fehlende Berufsqualifikationen sieht er für sich keinerlei Chancen im normalen Berufsleben. So hat er eines Tages die Idee, mit der Bahncard 100 um den Traum, einer Karriere als Comedian zu kämpfen. Er nimmt sich vor, sämtliche Strecken des DB-Liniennetzes zu befahren und überall aufzutreten, wo es ihm möglich ist. Spätestens am Ende des Jahresabonnements der Bancard möchte er sich einen neuen Namen gemacht haben, wieder bekannt sein. Bevor er die Reise antritt hat er noch den Umweg übers JobCenter genommen, und dort vergeblich versucht über ein Existenzgründer-Seminar eine Starthilfe für seine Selbständigkeit zu erhalten.
Am längsten beschreibt er den Vorlauf seiner Jahres-Reise, so z.B. im ersten Kapitel seine Entscheidungsfindung, sein Leben als Call-Center-Agent für Kaltakquise von Neukundenterminen für Versicherungsvertreter und das Call Center. Das zweite Kapitel beginnt mit der Info, seine leere Wohnung sei besenrein, endet mit der Abgabe seiner Wohnungsschlüssel und enthält im wesentlichen seine Gedanken und Gefühle zum Antritt seines Nomadendaseins. Das dritte Kapitel geht von der Fahrt zum Berliner Hauptbahnhof bis in den ersten ICE, den er betritt. Dort trifft er sofort auf einen Schaffner, der Hip Hop - Fan ist und ihn noch aus seiner Karriere als Rapper kennt. Von diesem Bahn-Angestellten erfährt er von dem Obdachlosen mit der Bahncard 100. Das sind die ersten 61 von (270 Seiten inkl Statistik und Danksagung - ohne) 258 Seiten.Weiter geht es in vierten Kapitel mit ersten Auftritten, reisen ohne Plan, Freiheit genießen und alte Freunde wieder treffen. Das fünfte Kapitel handelt von einer kleinen Tour durch ostdeutsche Städte, netten neuen Kollegen, viel Spaß und Alkohol und Stolz auf des erste selbstverdiente Geld als Comedian. Dann folgt ein Kapitel, in dem er Braunschweig besucht und da dies sein Heimatort ist, erfahren wir noch mal ein paar Dinge über ihn persönlich. Im siebenten Kapitel nimmt er an einem Talentwettbewerb teil, der ihm viel bedeutet. Dort kommt es auch zu etwas härteren Konkurrenzsituation, bei der ihm ein Nebenbuhler vorwirft, die Wohnungslosigkeit nur erfunden zu haben, um Sympathiepunkte zu bekommen. Hier schreibt er auch, das anfängliche Urlaubsgefühl sein ihm irgendwann unbemerkt abhandengekommen. Erst im achten Kapitel trifft er auf den anderen Bahn-Nomaden. Leider auch das einzige mal, und als er noch grübelt, wie er seinen Bahn-Netz - Mitbewohner am besten ansprechen könnte, verlässt dieser leider in Göttingen den Zug. Für sich selbst diagnosiziert er ein Bahnsyndrom, von dem ein Symptom ist, dass er inzwischen erwartet, alles müsste sich neben ihm bewegen, an ihm vorbeiziehen wie bei dem Blick aus den Fenstern eines fahrenden Zugs. Ebenso seltsam ist die Feststellung, dass sich ein Sitz (Stuhl, Sessel, Couch...) nicht nach hinten stellen lässt.... Nebenbeibemerkt hatte er in diesem Kapitel einen Dorfauftritt. Im daruf Folgenden beschreibt er die, nur für Bahncard 100-Inhaber zur Verfügung stehende DB-Lounge, von der er nun feststellt dass es sich nicht um ein Phantom sondern einen real existierenden Warteraum handelt, der auf jedem Bahnhof, wenn er denn zu finden ist, exakt gleich aussieht. Dort darf der besondere Bahn-Gast kostenlos Instant-Kaffee und Softdrinks ohne Ende trinken und durch eine Glasfront die Menschen ausserhalb der Lounge beobachten. Vier Monate ist er nun auf Reisen und empfindet diese Zeit wie ein ganzes Jahr. Übrigens hat er sich einen neuen Rollkoffer gegönnt, den er mit Natascha anspricht, denn in Ermangelung von Gesprächspartnern redet er mit diesem Koffer. Im zehnten Kapitel sind bereits fünf Monate vergangen und es herrscht Geldnot. Wieder einmal hat Rene Glück und bekommt von einer neuen Kollegin aus der Comedy-Szene einen Synchron-Job für Porno-Filme angeboten, durch die er auf die schnelle über 300,-€ verdienen kann. Der nächste Abschnitt handelt von einer Verarschung, die ihn auf ein schlecht besuchtes Straßenfest in einer Fußgängerzone Hamburg-Harburgs führt. Die Pechsträhne hält noch im nächsten Kapitel an. Durch planloses Hin- und Hergefahre landet er in einer sehr kleinen Stadt ohne Anschlusszug. Kein Plan, keinen Schlafplatz... und wieder hat er unverschämtes Glück. Drei Jungs erkennen ihn als den Rapper von früher, gehen auf ihn zu und bieten ihm einen Schlafplatz in ihrer WG an. Das Kapitel 13 handelt anders als die Zahl erwarten lässt von viel Glück. In einer Kleinstadt hat er einen tollen Auftritt, lernt ein tolles Mädel kennen und hat ein super Wochenende. Das 14. ist ein Urlaubs-Kapitel, das ihn in die Schweiz führt. Im Abschnitt 15 schmuggelt er sich bei den Profis. In Köln besucht er eine Comedy-Preisverleihung, und überlegt ob er da tatsächlich dazu gehören möchte. 16: Er bleibt in Köln und nimmt erneut an einem Talentwettbewerb teil. Für dieses Casting hat er sich ein neues Programm erarbeitet und dabei hat er seinen eigenen Stil gefunden. Nun erntet er viel Applaus, kann sich neu definieren und sieht deutlich einen Weg vor sich. Tags darauf ruft sein bester und ältester Freund an, um ihn nach Braunschweig einzuladen, weil er zum zweiten mal Vater geworden ist. Der erneute Besuch seines Heimatortes ergibt ein sehr kurzes und eigentlich letztes Kapitel, in dem er noch mal zweifelt. Plötzlich hat er den Eindruck seinen ruhigen bodenständigen Freund zu beneiden. Letztendlich beschließt er aber für sich dann doch auf dem richtigen Weg zu sein und möchte ein weiteres Jahr in im Netz der DB leben.
Aber
wie lebte er nun eigentlich oder wie lebt es sich in der Bahn?
Geschlafen hat El Khazraje in der Bahn wohl eher weniger, und Schlafwagen erwähnte er gar nicht. Er konnte von einer großen Bekanntheit und Beliebtheit, zum größten Teil aus seiner ersten Karriere profitieren. So boten ihm viele Leute ihre Hilfe an. Scheinbar ist er auch ein sehr sympathischer Mensch, der schnell neue Kontakte hinzugewinnt, und gleich von neuen Kollegen aus der Comedy-Szene mal einen Job und mal einen Urlaub vermittelt bekommt. Dennoch hat auch seine Mutter wieder eine große Rolle in seinem Leben gespielt.
Gegessen hat der Überlebenskünstler unregelmäßig. Manchmal traf er mit großem Hunger irgendwo ein, wo er das Glück hatte, zugreifen zu können. An anderen Tagen suchte er sogar das teure Restaurant im Zug auf. Bei alten Freunden, Fans von früher und neuen Kontakten futterte er sich durch und aß den Leuten auch teilweise den Kühlschrank leer.
Die DB-Lounge entpuppte sich als zweites oder auch neues Wohnzimmer. Dort waren immerhin die Getränke kostenlos und open End.
Kleidung hat er bei seinen gutmütigen Gastgebern gewaschen, getauscht, geschnorrt und gemopst.
Von Krankheiten, medizinischen Dienstleistungen oder einer Krankenkasse hat er nichts geschrieben.
Geduscht hat der Bahnnomade, soweit ich dem Büchlein entnehmen konnte, ausschließlich bei wohlwollenden Mitmenschen, die ihm einen Schlafplatz angeboten haben. Die Infrastruktur der Bahn und Umgebung schien nichts in der Art einer Hygienestation zur Verfügung zu stellen.
Seine technischen Geräte haben scheinbar auch treu durchgehalten. Laptop und Handy erwähnte er, für die er den Strom in den ICE-Zügen benutzen konnte.
Einsamkeit und Gesprächsbedarf hat unser Protagonist wohl zeitweise sehr deutlich gespürt und deshalb seinem neuen Koffer nahezu ein ganzes Kapitel gewidmet und ihn Natascha genannt. Das hat mich an die Filme "Born to be wild" und "Cast Away – Verschollen" erinnert, in denen es ebenfalls um einen Aussteiger und um einen Flugzeugabsturz geht, und der jeweilige Protagonist aus Einsamkeit mit einem Ball redet.
Soziale Einrichtungen, wie Suppenküchen, Notübernachtungen hat der Autor nicht erwähnt also vermutlich auch nicht aufgesucht.
Verglichen mit dem gro der Obdachlosen, die ich in unseren Hilfseinrichtungen der Wohnungslosenhilfe kennen gelernt oder von denen ich gehört/ gelesen habe, sehe ich abgesehen von der nicht vorhandenen Wohnung keine Gemeinsamkeiten zu El Khazraje. Die meisten unserer Klienten/ Gäste sind durch einen Schicksalsschlag oder schleichenden Prozess, z.B. Sucht in die Obdachlosigkeit geraten und damit einhergehend sozial isoliert. Das ist eigentlich der größte Unterschied. El Khazraje fühlt sich einsam, hat aber viele Kontakte und Unterstützer. In Berlin gibt es auch viele Obdachlose, die in Gruppen oder in losen Zusammenhängen leben. Die helfen sich gegenseitig, aber Einladungen zu Übernachtungen, Essen oder gar Urlaub bekommen sie wohl eher nicht oder selten. Ebenfalls habe ich mobile Obdachlose kennen gelernt. Einer ist viel gewandert, ein anderer trampte viel und sparte sich vom Straßenzeitungsverkauf Geld für Mitfahrgelegenheiten oder Tickets für die billigen Linienbusse zusammen. In den jeweiligen Städten nutzt er die sozialen Einrichtungen und die JobCenter oder Sozialämter. Viele Menschen die ich in der Obdachlosenhilfe kennen gelernt habe, sind gar nicht oder nur kaum/ minimal in der Lage, Hilfe anzunehmen. Sie schämen sich, haben ihre - teils falschen - Stolz, eine anerzogene Bescheidenheit. El Khazraje dagegen hat keinerlei Probleme, Hilfe anzunehmen. Meiner Meinung nach lebt er sogar rotzfrech auf Kosten anderer Menschen. Für mich wäre es auch kein Lebensstil, ständig auf anderen Menschen angewiesen zu sein, oder dann auch noch ohne Gegenleistung auf deren Tasche zu liegen.
Das Buch ist sehr leicht und schnell lesbar. Einfache Worte, kurze Sätze... Daher sind die langweiligen Teile auch problemlos zu überfliegen. Die Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend, nett und übersichtlich gestaltet. Daher wirkte die Doku auf mich wie ein Kinder- und Jugendbuch. Einige seiner Redewendungen und Begrifflichkeiten sind Insider aus dem Rapper- oder Hip Hop-Milieu, so dass ich erst mal nachschlagen musste, aber nicht behaupten kann alles gefunden zu haben. Ich denke mal,v.a. ältere Menschen würden sich wohl etwas wundern. Also schätze ich seine Zielgruppe in den Jugendlichen ein, die mit ihm auf einer Wellenlänge liegen. Vom Aufbau her, hat er meiner Einschätzung nach ein paar besondere Erlebnisse seines ersten Aussteiger-Jahres ausgewählt, über die er wie Anekdote plaudert. Diese Stories schreibt er einfach mal auf, also anders als ein professioneller Autor, ohne Spannungsbogen, Hinhaltetaktik, Wortakrobatik etc, sondern eher wie Blogeinträge in denen schlicht und ergreifend das Erlebte niedergeschrieben wurde. Dabei ist er teilweise sehr langatmig und wiederholt sich in einigen Dingen oft. Allerdings versucht er auch in sein Buch etwas Humoristik einfließen zu lassen. Er schreibt viel über seine Gedanken, teilweise etwas tiefsinnig. Mein Eindruck war, eine sehr egozentrische Sicht seiner großen und doch kleinen Welt präsentiert zu bekommen. Teilweise habe ich es als befremdlich erfunden, so viel von einem Menschen zu lesen, der sich scheinbar ziemlich oft und genau selbst beobachtet oder auch analysiert. Es mag aber sein, dass die lange großteils einsame Reise diese Egozentrierung mit sich bringt. Aber auch andere Menschen werden von ihm beobachtet, und es scheint eine Vorliebe von ihm zu sein, seine Mitmenschen in Schubladen einzusortieren. So werden die z.B. die Comedians oder auch die Bahn-Schaffner von ihm typisiert vorgestellt.












Ärztl. Bereit.: 31 00 31










